[Ende Gelände] Aktionsbericht EG 2020

emehl: Fighting the Crisis since 2015! Aktionsbericht Ende Gelände-Aktion ’20
Die Klimagerechtigkeitsbewegung ist mit einem starken Zeichen zurückgekehrt – 3.000 Aktivist*innen haben am letzten Septemberwochenende 2020 im gesamten Rheinland erfolgreich Kohle- und Gasinfrastruktur blockiert. Gemeinsam mit Fridays for Future und Alle Dörfer bleiben haben wir gezeigt: Wir lassen uns nicht aufhalten. Der Kampf gegen die Klimakrise geht weiter – nicht trotz, sondern gerade wegen Corona. Denn für Klima- sowie Corona-Krise gilt: Während Konzerne Milliardengeschenke erhalten und ungestört weiter Mensch und Planeten ausbeuten, fallen die Kosten auf jene zurück, die schon jetzt am Wenigsten haben. Mit dem Aktionswochenende haben wir gezeigt: Nicht mit uns. Wir bleiben ungehorsam. Für Klimagerechtigkeit weltweit – Kohle stoppen, Dörfer retten, Kapitalismus abbaggern!
Dieses Jahr war alles anders als sonst: Anfang des Jahres haben wir uns für eine Massenaktion im Rheinland entschieden – in der Nähe der bedrohten Dörfer und um den 27. September 2020 herum. Doch statt uns wie gewohnt in die Vorbereitungen stürzen zu können, wurden auch wir von der Corona-Pandemie überrascht und vor ganz neue Herausforderungen gestellt.
Die Aktionsvorbereitung mit ausreichend Social Distancing aka im digitalen Raum war auch für uns gewissermaßen Neuland und brauchte seine Zeit. Das Kohleeinstiegsgesetz – ein Freifahrtschein für weitere 18 Jahre Klimazerstörung – ließ uns jedoch wieder zur alten Kraft zurückfinden. Eine Wut machte sich breit, die in zahlreichen Kleingruppenaktionen und Demos mündete und für viele der Startschuss zur Organisation der Massenaktion war.

Um eine Massenaktion während Corona durchführen zu können, mussten wir jedoch vieles anders machen als sonst. Business as usual war dieses Jahr nicht, dafür gab es 10 Anlaufstellen, 14 Mini-Finger und ein umfangreiches Infektionsschutzkonzept. Dennoch blieben bis kurz vor der Aktion Zweifel – „Ist eine Aktion unter Corona-Bedingungen vertretbar?“ und „Können wir die erhöhte Belastungen durch den organisatorischen Mehraufwand tragen?“. Am Ende entschieden wir uns immer für ein Weitermachen – und starteten am frühen Morgen des 26. Septembers erfolgreich in Aktion.

Die Aktion war von Repressionen geprägt, wie Ende Gelände sie noch nie erlebt hatte (und wir dachten wir wären schon einiges gewohnt). Die Polizei versuchte die Aktion mit allen Mitteln zu verhindern. Die Versammlungsfreiheit wurde massiv eingeschränkt: Menschen durften nicht zu Mahnwachen, die Fridays for Future-Demo durfte nicht ihren eigentlichen Weg laufen und Züge hielten nicht an Bahnhöfen, sodass Aktivist*innen weder ein- noch aussteigen konnten. Die Polizei verlangte Klarnamen aller Aktivist*innen und hätte fast die Aachener Anlaufstellegeräumt. Sie ließ Hunde ohne Maulkorb auf Aktivist*innen los und verletzte diese mit Polizeipferden, Pfefferspray und Schlagstöcken. Der olive Finger wurde gewaltsam aus dem Zug geprügelt und mehrere Finger wurden über 100 km aus dem Revier gefahren und an teilweise nicht mehr befahrenden Bahnhöfen ausgesetzt. Die Pressefreiheit wurde massiv eingeschränkt und in der Gefangenensammelstelle kam es mehrfach zu sexistischen und rassistischen Vorfällen.

Doch obwohl die Polizei auf ihr gesamtes Repertoire an rechtswidrigen und gewaltsamen Methoden zurückgriff, konnte sie uns nicht aufhalten erfolgreich Kohle- und Gasinfrastruktur zu blockieren. 14 Mini-Finger waren am Aktionswochenende zwischen Bonn, Aachen, Mönchengladbach und Düsseldorf verstreut, sodass die Lage vom Sprecher der Polizei als „unübersichtlich“ beschrieben wurde. Um die Übersicht für alle zurückzugewinnen, hier ein Überblick über die Aktionen aller Finger.

Purpur fuhr früh morgens mit dem Zug in Köln los. Auf dem Weg übersprang die Bahn den Bahnhof des Industrieparks Dormagen. Offensichtlich wusste die Polizei nicht, wohin der Finger eigentlich unterwegs war. Im Hafen von Düsseldorf wurde der Finger erst gekesselt, konnte dann aber doch noch weiter bis vor die Tore des Gaskraftwerks Lausward ziehen. Dort blockierte er einige Stunden die Zufahrt, um danach mit einer kraftvollen Demo gegen die Kriminalisierung der Klimagerechtigkeitsbewegung durch Köln zu ziehen.

Bronze machte sich, nachdem mehrere Züge durch polizeiliche Anweisungen ausfielen, auf den Weg zum Kraftwerk Weißweiler, wurde jedoch 1 km vor dem Ziel gekesselt. Nach einem weiteren gescheiterten Anlauf entschied sich der Finger zurück nach Aachen zu fahren und dort den grünen Finger in Empfang zu nehmen.

Grün durfte den Aachener Hauptbahnhof erst nicht betreten und dann nicht zur Mahnwache am Aussichtspunkt Skywalk beim Tagebau Garzweiler fahren. Mit einem Umweg über Rheydt und viel Polizeibegleitung im Zug kamen sie später zum Tagebau Inden. Kurz vor dem Tagebau wurde der Finger jedoch gekesselt und kehrte nach mehreren Stunden wieder nach Aachen zurück.
Die Polizei war gewalttätig und nahm im Kessel und auf dem Rückweg zwei Menschen fest. In Aachen wurde der Finger von Bronze in Empfang genommen und es gab eine Spontandemo zur Gesa, um die Gefangenen abzuholen.

Glitzer tauchte mit einem Mal morgens beim Kraftwerk Weißweiler auf und blockierte erfolgreich den Kohlebunker. Nach der Räumung wurde der Finger in die Gesa gebracht und dann wieder freigelassen.

Oliv wollte nach einigen Stunden Bahnfahrt in Köln-Ehrenfeld umsteigen, dort wurde ihr Zug jedoch nicht weiter gelassen. Stattdessen wurden die Aktivist*innen von der Polizei mit Gewalt aus dem Zug gezerrt und viele Stunden festgehalten. Das führte zu einer Unterbrechung des Zugverkehrs.
Danach wurden die Aktivist*innen in Bussen nach Siegen gefahren und mussten von dort wieder zu ihrer Anlaufstelle zurück.

Lilablau entschied sich spontan gemeinsam in die Aktion zu starten. Frühmorgens brach der Finger in Köln auf, um mit der Bahn Richtung Garzweiler zu fahren. In der Morgendämmerung und nach mehreren Zusammenstößen mit der Polizei erreichte der Finger sein Ziel:
Aktivist*innen drangen in den südöstlichen Teil des Tagebaus ein und brachten die Förderbänder für den Tag zum Stillstand. Nach Repressionen gegenüber der Presse sowie Schlagstock- und Pfeffereinsatz gegen Aktivist*innen wurde der Finger gekesselt. Einzelne Aktivist*innen wurden in die Gesa gebracht. Der restliche Finger wurde von der Polizei ins über 100 km entfernte Olpe verschleppt, von wo sie mehrere Stunden zurück nach Köln brauchten.

Silber war der internationale Finger. Auf dem Weg nach Köln gab es eine Ticketkontrolle, doch dann durfte der Finger weiterfahren. Da Köln-Ehrenfeld durch die Polizei gesperrt war (weil sie Oliv aus dem Zug prügelten), fuhr Silber über Düsseldorf in die Nähe von Lilablau. Da der Finger dort nicht weiter kam, verweilte er einige Stunden, bis die Polizei abzog und besetzte abends die Nordsüd-Kohlebahn. Nach mehreren Stunden wurde der Finger geräumt und in Bussen von der Polizei nach Xanten gefahren. Da keine Züge mehr fuhren, kam er morgens mit mehreren Ende Gelände Bussen wieder nach Bonn zurück. Kein Finger hat so viel Strecke hinter sich gebracht und war so lange unterwegs.

Pink stieg unbemerkt in Gusdorf aus und lief noch im Dunklen zum Kohlebunker von Garzweiler, den sie erfolgreich besetzten. Die Räumung dauerte den ganzen Tag.

Bunt fuhr mit Bussen Richtung Braunkohletagebau Hambach. Nachdem sie ausstiegen, wurden sie nach wenigen hundert Metern gekesselt und es kam zum gewaltvollen Einsatz von Polizeihunden. Dann fuhren sie wieder zurück und wurden in Keyenberg festgehalten, ohne auf Toilette gehen zu dürfen. Erst nach mehreren Stunden durften die Busse wieder zurück zur Anlaufstelle fahren.

Gold wurde schon auf der Straße vor der Anlaufstelle massiv am Losgehen gehindert. Nach Auseinandersetzungen, brutaler Gewalt und Verletzungen durch Polizeipferde und Beamt*innen erreichte noch die Hälfte des Fingers über Hindernisse das Ziel, den Gasthof in Keyenberg. Dort feierten die Aktivistis die Wiedereröffnung und belebten den Ort von Neuem, um ein Zeichen gegen die Enteignung und Zerstörung zu setzen. Das Gebäude wurde geschmückt und die Kegelbahnen wieder zum Laufen gebracht.
Anwohner*innen waren die ganze Zeit über auf der Straße draußen zur Unterstützung da – die andere Hälfte des Fingers kam nach Möglichkeit dazu. Am nächsten Tag entschied sich der Finger für einen gemeinsamen Abschluss, verließ geschlossen das Haus und kehrte zum Camp zurück.

Orange lief von Lützerath nach Keyenberg und wurden dort etwa 150 m vom Gasthof entfernt gekesselt. Auch hier waren Polizeipferde im Einsatz. Durch dieses Manöver zog der Finger Polizeikräfte vom goldenen Finger weg, der dann auf Umwegen zum Gasthof gelangen konnte. Leider konnten die Finger sich dabei nicht zuwinken – und so saß Orange rechtswidrig acht Stunden allein im Kessel fest. Abends folgte der lange, nasse Marsch zurück zur Anlaufstelle, welche in der folgenden Nacht im Wasser versank.

Die Anti Kohle Kids (AKK) fuhren zur Demo von Fridays for Future nach Hochneukirch und hängten sich an diese ran. Während die Polizei durch die Demo blockiert wurde, rannte der Finger über eine Autobahnbrücke und Felder und konnten erst kurz vor der Nordkante von Garzweiler von der Polizei gestoppt werden. Mit einer musikalischen Demo zogen sie zum Bahnhof zurück und fuhren danach zu ihrer Anlaufstelle.

Chillirot und Magenta liefen zusammen zum Bahnhof Baal. Dort stellten sie fest, dass die Züge auf Anweisung der Polizei die nächsten Stunden durch die umliegenden drei Bahnhöfe durchfahren würden. Die Finger durften sich nicht weiterbewegen. Auf dem Weg zurück Richtung Anlaufstelle brachen sie jedoch aus und liefen zur nahegelegenen Baustelle der ZEELINK Erdgaspipeline, welche von den Fingern an unterschiedlichen Stellen erfolgreich blockiert wurde. Abends verließen sie die Baustelle freiwillig und kehrten zur Anlaufstelle zurück.

Mit dieser Aktion haben wir ein weiteres Mal unsere Rekorde gebrochen:
Noch nie gab es so viele Anlaufstellen und Finger, noch nie war das Aktionsgebiet so groß. Erstmals wurde ein Haus in Solidarität mit Alle Dörfer bleiben besetzt und Erdgas-Infrastruktur blockiert, womit Ende Gelände ein weiteres wichtiges Thema besetzt. Das alles hat nur Dank der vielen hundert Menschen funktioniert, die die Anlaufstellen geschmissen, die Aktionslogistik gestellt, Presseberichte geschrieben, den Ermittlungsausschuss betreut, Verletzte behandelt, die Mobi gewuppt, das Hygienekonzept erarbeitet, das Essen gekocht und vieles mehr haben… Vielen Dank an euch alle! Auch ein großes Dankeschön an die tausenden Aktivist*innen, die uns vertraut haben trotz Corona mit uns sicher in diese Aktion zu gehen und das Ziel von Ende Gelände erst Wirklichkeit werden lassen – gemeinsam und ungehorsam für Klimagerechtigkeit zu kämpfen!


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